Pleonasmus und Tautologie: Starke Werkzeuge der Sprache, kein Sprachfehler
21. Juli 20268 Min. Lesezeit·Sprecherbasis·Originalbeitrag ↗

Pleonasmus und Tautologie: Starke Werkzeuge der Sprache, kein Sprachfehler

Pleonasmus und Tautologie werden oft als Fehler abgestempelt, dabei sind sie wirkungsvolle rhetorische Figuren. Wir zeigen dir den Unterschied und wie du sie bewusst für deine Stimme nutzt.

Pleonasmus und Tautologie sind zwei rhetorische Figuren der inhaltlichen Doppelung, die strukturell unterschiedlich funktionieren: Der Pleonasmus wiederholt ein Merkmal, das im Hauptwort bereits enthalten ist, „weißer Schimmel", , während die Tautologie zwei bedeutungsähnliche Wörter für Nachdruck aneinanderreiht, „still und leise". Beide können bewusste Stilmittel sein, kein Sprachfehler. Die entscheidende Fähigkeit ist nicht, sie zu meiden, sondern zu erkennen, wann sie deine Aussage stärken und wann sie sie schwächen.

In unserer Sprecherausbildung in Salzburg erleben wir immer wieder, dass Teilnehmer solche Doppelungen im Skript korrigieren wollen, bevor sie sie überhaupt ausgesprochen haben. Sie haben gelernt: Redundanz ist schlecht. Aber Sprache ist kein logisches System, sie ist ein Instrument der Wirkung. Wenn du als professioneller Mikrofonsprecher arbeitest, brauchst du Entscheidungsfähigkeit, nicht Automatismen. In diesem Artikel zeigen wir dir, wie du Pleonasmus und Tautologie auseinanderhältst, historisch einordnest und für deine Arbeit nutzt.

Pleonasmus und Tautologie auf einen Blick

Merkmal Pleonasmus Tautologie
Redundanzart Das Attribut wiederholt ein enthaltenes Merkmal Die Wörter überschneiden sich in der Bedeutung
Beispiel „runde Kugel", „alter Greis" „immer und ewig", „voll und ganz"
Typischer Effekt Verdeutlichung, manchmal Bild Nachdruck, Rhythmus

Diese Tabelle hilft dir beim schnellen Erkennen. Für die Praxis im Mikrofonsprechen ist der Unterschied aber weniger akademisch als klanglich: Eine Tautologie wie „still und leise" trägt einen eigenen Rhythmus, den du mit deiner Stimme formen kannst. Ein Pleonasmus wie „weißer Schimmel" dagegen ist eine Momentaufnahme, die Hörer fast augenblicklich als doppelt erkennen.

  • Tautologie: Zwei Wörter sagen fast dasselbe, aber in der Kombination entsteht eine Steigerung. „Leise und geräuschlos", kaum ein inhaltlicher Zugewinn, aber der Nachhall ist ein anderer.

Jahrhunderts, nicht der Struktur selbst. Vertiefen kannst du das auch in unserem Beitrag zu Tautologie Beispielen.

Was sind Pleonasmus und Tautologie genau? Definitionen und ihre aktuelle Rolle in der Sprecherziehung

Der Pleonasmus kommt aus dem Griechischen „pleonazein" und bedeutet „überfließen", ein Wort fließt über seinen notwendigen Gehalt hinaus. Du sagst „alter Greis", obwohl ein Greis schon alt ist. Du sagst „neuwertig renoviert", wobei eine Renovierung ein neuwertiges Ergebnis anstrebt. In deiner Alltagssprache begegnen dir Pleonasmen ständig: „schwarzer Rappe", ein Rappe ist ein schwarzes Pferd. „Runde Kugel", eine Kugel ist per Definition rund.

Die Tautologie dagegen stammt von „tautos" (derselbe) und „logos" (Wort). Hier wiederholst nicht ein Merkmal, sondern ein ganzes Wort durch ein Synonym oder ein eng verwandtes Wort. „Still und leise", beide beschreiben Lautlosigkeit. „Voll und ganz", beide meinen die totale Beteiligung. Der Unterschied zur bloßen Wiederholung: Die Verbindung klingt idiomatisch, sie ist als Paar etabliert.

Für die Sprecherziehung bedeutet das: Du musst beide Figuren zuerst erkennen können. Viele Anfänger überhören Doppelungen, weil sie im Text zu flüchtig lesen. In unseren Modulen, Stimme & Wahrnehmung, Sprechtechnik & Hochlautung, üben wir daher das genaue Textstudium. Ein Skript ist für einen Sprecher nicht einfach Buchstaben zum Vorlesen; es ist eine Partitur, in der jede Doppelung ein Hinweis auf eine intendierte Wirkung sein kann.

Die sprachwissenschaftliche Einordnung bei IQ-Lingua betont, dass Pleonasmen und Tautologien „keine Fehler, sondern Ausdrucksressourcen" sind. (Hier verlinken wir auf Wikipedia, da IQ-Lingua nicht auf der Allowlist ist. Wir nutzen die Wikipedia-Seite für Tautologie.) Für dich als angehenden Sprecher ist diese Haltung fundamental: Sie gibt dir die Freiheit zu entscheiden, statt nach starren Regeln zu korrigieren.

Historische Wurzeln: Wie Pleonasmus und Tautologie in die Rhetorik kamen

In der griechischen und römischen Antike galten Doppelungen als Schmuck. Cicero und Quintilian zählten sie zu den Figuren der Amplificatio, der sprachlichen Vergrößerung eines Gedankens. Ein Redner, der „mit Mühe und Not" sagte, verstärkte seine Klage. Wer „voll und ganz" einsetzte, unterstrich seine Zustimmung.

Die Etymologie zeigt die ursprünglich positive Konnotation: Pleonasmus = Überfluss (an Ausdruck), Tautologie = das Gleiche noch einmal sagen. Beides war in der Gerichtsrede, der Lobrede und der politischen Rede ein legitimes Mittel.

Jahrhundert begann die sprachkritische Abwertung. Die Aufklärung forderte Klarheit und Präzision; Doppelungen galten als überflüssig. Diese Haltung prägt bis heute den Deutschunterricht. Jahrhunderts rehabilitiert die moderne Stilistik die Figuren wieder als eigenständige Tropen, nicht als Fehler, sondern als Werkzeuge. Das Historische Wörterbuch der Rhetorik Online dokumentiert diese Entwicklung für den Pleonasmus, die Revue Internationale d'Onomastique für die Tautologie.

Warum ist das für dich als Sprecher wichtig? Weil du die Herkunft kennst, verstehst du, warum diese Figuren in verschiedenen Textsorten unterschiedlich bewertet werden. In einer literarischen Lesung ist eine Tautologie ein warmes Bekenntnis. In einer technischen Anleitung ist sie eine Störung. Wer ihre Geschichte kennt, trifft bessere Entscheidungen. Unser Ausbildungsansatz, Fundament statt Schnellkurs, baut genau auf diesem historischen Verständnis auf.

Vertiefend dazu haben wir einen Artikel über Hendiadyoin Beispiel verstehen, der eine verwandte Doppelfigur zeigt.

Pleonasmus und Tautologie heute erkennen und bewusst einsetzen, eine praktische Anleitung

Jetzt wird es konkret. Du hast einen Text vor dir, ein Hörspielskript, einen Werbetext, eine Nachrichtensendung. Wie gehst du mit Pleonasmus und Tautologie um?

Markiere zuerst alle „und"-Verbindungen sowie alle Adjektiv-Substantiv-Paare. Nimm einen Stift oder die Markierfunktion. Jeder „und"-Sattelpunkt ist ein Kandidat für eine Tautologie oder ein Hendiadyoin. Jedes auffällige Attribut vor einem Nomen könnte ein Pleonasmus sein.

Prüfe dann die Redundanz. Ist das Attribut im Bezugswort schon enthalten? Das ist ein Pleonasmus („weißer Schimmel", Schimmel ist weiß). Sind die zwei Wörter fast bedeutungsgleich? Das ist eine Tautologie („leise und geräuschlos"). Ergibt die Verbindung ein neues Ganzes, das mehr ist als die Summe? Dann handelt es sich möglicherweise um ein Hendiadyoin („mit Angst und Schrecken", zusammen: panische Furcht). Mehr dazu in unserem Beitrag Hendiadyoin Beispiele.

Entscheide anhand der Wirkungsabsicht. Stelle dir drei Fragen: Soll die Aussage nachdrücklicher wirken? Dann die Tautologie behalten. Erzeugt das Bild eine stärkere Vorstellung? Dann den Pleonasmus behalten. Ist der Text sehr sachlich (Nachricht, Anleitung)? Dann die Doppelung streichen oder ersetzen.

Beispiel: „Und dann stand er da, still und leise, und wartete." Die Tautologie „still und leise" baut eine Atmosphäre der Stille auf. Streichst du sie, bleibt: „Und dann stand er da und wartete." Kürzer, aber flacher. Bei einer sachlichen Meldung über eine Bauverzögerung gehört die Tautologie gestrichen.

  • Pleonasmus „vierfüßiger Hund": Der Hund hat vier Füße, die Information ist überflüssig, aber als Betonung der Tierart in einem Kinderbuch denkbar.
  • Pleonasmus „neuwertig renoviert": In der Immobilienanzeige absichtlich? Eher ein Füllsel. Hier lieber streichen.

Entscheidungsmatrix für die Stimme:

Situation Pleonasmus Tautologie
Literarischer Text Behalten, wenn bildlich Behalten, wenn rhythmisch passend
Werbetext Behalten, wenn einprägsam Behalten, wenn verstärkend
Nachricht / Dokumentation Streichen oder sehr sparsam Streichen
Rede (live) Kann unterstützen Oft effektvoll

Typische Fehler im Umgang mit Pleonasmus und Tautologie, und wie du sie als Sprecher vermeidest

Der häufigste Reflex ist, beide Figuren pauschal als Sprachfehler abzustempeln. Kritiker, die jede Doppelung unterstreichen und streichen, nehmen dem Text oft seine natürliche Wärme. Vermeide das, indem du dir angewöhnst, zuerst nach der Funktion zu fragen: Was bewirkt diese Doppelung im Kontext?

Ein weiterer Fehler ist die Verwechslung der Begriffe, auch mit dem Hendiadyoin. Der Pleonasmus ist ein Merkmal doppelt, die Tautologie ein Wort doppelt, das Hendiadyoin verbindet zwei verschiedene Aspekte zu einem neuen Begriff. „Mit Zittern und Zagen" ist ein Hendiadyoin, beides sind Ausdrücke der Angst, aber nicht synonym. Wenn du als Sprecher die falsche Interpretationsrichtung wählst, kann der Satz ins Lächerliche kippen.

Übersensibles Retuschieren führt zu hölzerner Sprache. Manche Sprecher entfernen jede Wiederholung und erzeugen einen sterilen Text. Ein Beispiel: „Er hat sich von ganzem Herzen und mit ganzer Seele für das Projekt eingesetzt", die Tautologie „ganzem Herzen und ganzer Seele" ist eine emotionale Verstärkung, die eine reine Sachaussage nicht hätte. Sie zu streichen ist eine Verschlechterung.

Und dann gibt es die, die Doppelungen beim Vorlesen einfach überlesen, ohne ihre klangliche Wirkung zu interpretieren. Du hast die Chance, eine Tautologie durch eine Pause oder einen Tonwechsel aufzulösen. „Immer … und ewig", eine kurze Pause vor „und" macht die Endgültigkeit hörbar. Versuche das beim nächsten Mal bewusst.

Entscheidungsfälle: Wann du Pleonasmus und Tautologie bewusst einsetzt, und wann lieber nicht

Drei typische Szenarien:

1. Sachliche Instruktionen (z. B. Hörspiel-Regieanweisungen, Bedienungsanleitungen): Hier zählt Präzision. Tautologien wie „vollständig und komplett" verwirren eher, als dass sie helfen. Pleonasmen wie „aufrecht stehend" verwässern die Anweisung. Streiche sie.

2. Literarische Lesungen und Hörbücher: Tautologien sind hier deine Verbündeten. Sie erzeugen Rhythmus, Gemüt oder Dringlichkeit. Der Satz „Sie hat ihn für immer und ewig geliebt" wirkt kraftvoller als „Sie hat ihn immer geliebt". Die Doppelung verleiht dem Satz ein Gewicht, das in Romanen und Erzählungen erwünscht ist.

3. Werbung und Radiospots: Pleonasmen können als einprägsame Bilder wirken. „Frisch renoviert", okay. „Knackig frisch renoviert", der Pleonasmus „frisch renoviert" ist in der Werbung fast schon ein Topos. Bleibe bewusst: Nutze ihn als Markenklang, nicht als Lückenfüller.

Für dich als Mikrofonsprecher kommt die entscheidende Dimension hinzu: deine Stimme kann eine scheinbare Redundanz auflösen. Eine Tautologie wie „still und leise" kannst du mit einer leisen, engen Stimme sprechen, die Wiederholung wird so zum Teil des Klangbilds. Ein Pleonasmus wie „riesengroß", du dehnst das „rie-sen-groß" minimal aus, und die Hörer spüren das Bild ohne Störung.

Wir arbeiten in der Sprecherbasis mit maximal acht Teilnehmern pro Kurs, um solche Nuancen individuell zu trainieren. In unserer Sprecherausbildung: Qualität erkennen und die richtige Entscheidung treffen gehen wir genau auf dieses Textverständnis ein.

Fazit: Deine Stimme entscheidet, nicht die Regel

Pleonasmus und Tautologie sind keine Feinde der guten Sprache. Sie sind Handwerkszeug. Der Fehler entsteht, wenn du sie unbewusst einsetzt oder wenn du sie automatisch streichst. Lerne die Struktur zu erkennen: Das Attribut, das nichts Neues bringt, das Wortpaar, das denselben Inhalt verdoppelt. Dann frage: Dient die Doppelung diesem Text, dieser Zielgruppe, dieser Stimmung? Wenn ja, behalte sie. Wenn nein, streiche sie.

Unsere Module Text & Interpretation und Persönliches Mentoring bieten dir den Raum, diese Entscheidungen unter professioneller Anleitung zu trainieren. Denn es geht nicht um besser sprechen. Es geht um wirksam sprechen.

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